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Angeblich falsche Corona-Studie: Presserat rügt BILD

Drosten Christian Foto Peitz CharitéZwischen dem 8. und 10. September 2020 hatte sich der Presserat mit 115 Beschwerden zu befassen, wovon 61 als begründet und 38 als unbegründet erachtet wurden. Zu den danach ergriffenen Maßnahmen zählten 12 öffentliche Rügen, 16 Missbilligungen und 28 Hinweise. Als schwerer Verstoß wurde ein Bericht der Bild über die Arbeit des Virologen Christian Drosten (Foto) gewertet.

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Am 25. Mai 2020 veröffentlichte die Bild-Zeitung auf der Titelseite die Schlagzeile „Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch. Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ Im Rahmen des Berichtes nutzte der Bild-Redakteur Filipp Piatov tendenziöse und verfälschte Zitate. Die Tageszeitung kritisierte eine Studie, die Drosten gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern am 29. April 2020 als Vorabdruck veröffentlicht hatte.

Der Chefredakteur der Bild, Julian Reichelt, verteidigte den Artikel und bezeichnete ihn als „legitime Berichterstattung“. Reichelt zufolge würde die Bild über Hinweise aus Regierungskreisen und Kreisen der Ministerpräsidenten verfügen. Die Politiker hätten sich unglücklich über die Entscheidung, Schulen und Kitas größtenteils geschlossen zu halten, gezeigt. Diese Schließungen wären von der kritisierten Studie beeinflusst gewesen.

 

Nun hatte sich der Presserat mit dem Bild-Artikel befasst und mehrere schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex erkannt. So wäre nach Auffassung der Mitglieder im Presserat die Formulierung, die Studie sei „grob falsch“, von den zitierten Expertenmeinungen im Text nicht gedeckt. Zudem erwähnt der Artikel nicht, dass es sich um eine Vor-Veröffentlichung handelte, deren Ergebnisse noch nicht von Fachleuten überprüft waren. Außerdem zitierte die Redaktion die Studie unsauber und behauptete, Kinder „können“ so ansteckend sein wie Erwachsene, was im englischsprachigen Original viel vager mit „könnten“ formuliert war. Der Beschwerdeausschuss befand außerdem, dass die Frist von einer Stunde, die die Redaktion dem Virologen Christian Drosten zur Stellungnahme eingeräumt hatte, zu kurz war.

Kritisiert wurde auch die Website DERWESTEN.DE für ein eklatantes Clickbaiting in drei Artikeln. Die Redaktion hatte in einer Überschrift Informationen über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher versprochen, wovon im zugehörigen Artikel dann jedoch nicht mehr die Rede war. Eine weitere Schlagzeile erweckte zudem den falschen Eindruck, dass beim Sänger Michael Wendler eine Trennung von dessen Partnerin bevorstand.

 

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In einem dritten Beitrag behauptete die Redaktion sodann, dass die Bundesregierung „geheime Lager“ zur Versorgung mit Lebensmitteln in der Corona-Krise angelegt habe. Doch auch dieses entsprach nicht der Wahrheit, da die Notfalllager bereits seit langem existieren. Deshalb erkannte der Presserat in der Gestaltung der Überschriften eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex. Dieses Clickbaiting schadet zudem dem Ansehen der Presse nach Ziffer 1, da mit der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser gespielt und diese bewusst in die Irre geführt wurden.

 

Detaillierte Schilderungen eines sexuellen Missbrauchs

Eine Rüge erhielt die Website NORDKURIER.DE für die Berichterstattung über einen Strafprozess. Darin wird der sexuelle Missbrauch eines Kindes in einer Passage detailliert geschildert. Diese Schilderung war aus Sicht des Presserats jedoch nicht notwendig, um die Grausamkeit der Tat zu verstehen. Die Darstellung ist dazu geeignet, das Missbrauchsopfer dauerhaft zu stigmatisieren. Gemäß Ziffer 11 verzichtet die Presse auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Diese Grenze wurde im vorliegenden Fall überschritten.

 

Redaktion zeigt Erschießung eines Passanten

Als eine unangemessene Darstellung von Brutalität und Leid nach Ziffer 11 des Pressekodex beurteilte der Presserat das Video einer Tötungsszene. Unter dem Titel „Mann in New York aus Auto erschossen“ zeigte BILD.DE, wie ein Mann beim Überqueren einer Straße erschossen wird und zu Boden fällt. Die Online-Redaktion der Boulevardzeitung hatte das Fahndungsvideo vom Twitter-Account der New Yorker Polizei übernommen.

 

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Nach Ansicht des Presserats bediente das Video, in dem die Tötung wiederholt gezeigt wurde, allein die Sensationsinteressen. Denn der ursprüngliche Fahndungszweck des Videos hatte in der deutschen Öffentlichkeit keine Bedeutung. Für die Presse gilt bei der Veröffentlichung von Ermittler-Material der Pressekodex, betonte der Beschwerdeausschuss.

 

Foto von falschem Täter veröffentlicht

Eine weitere Rüge erhielt die Bild-Zeitung für eine Berichterstattung unter der Überschrift „Kinder-Psychologin und Ehemann von Sohn erschossen“. Die Redaktion hatte darin ein getötetes Ehepaar identifizierbar abgebildet und deren ebenfalls getöteten Sohn gezeigt und als Täter bezeichnet. Kurz danach stellte sich jedoch heraus, dass der Sohn überhaupt nicht der Täter war, sondern selbst ein Opfer. Die Berichterstattung verletzt somit die Kriterien der Vorverurteilung nach Richtlinie 13.1 des Pressekodex. Zudem liegt durch die identifizierbare Abbildung der Familie ein schwerer Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 vor.

 

Redaktion zeigt Vergewaltigungsopfer

Für die Berichterstattung „Mein Papa, hat mir gesagt, dass er ein Vergewaltiger ist“ erhielt BILD.de eine Rüge. Denn in der Berichterstattung zeigte die Redaktion das unverpixelte Foto eines Vergewaltigungsopfers kurz nach seinem Auffinden durch die Polizei. Der Ausschuss sieht in der erkennbaren Abbildung einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 des Pressekodex.

 

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Eine weitere Rüge wurde wegen eines Verstoßes gegen den Opferschutz im Artikel „Junge Mutter in Leipzig getötet, Myriams Traum war eine eigene Pension am Meer“ ausgesprochen. Die Redaktion zeigte im Teaser das unverpixelte Foto eines Mordopfers, das dessen Facebook-Seite entnommen worden war. Eine ausdrückliche Einwilligung der Angehörigen zur Veröffentlichung hatte die Redaktion nicht vorgelegt. Dies verstößt gegen die Richtlinie 8.2, wonach Opfer besonders geschützt werden. Nur weil jemand Opfer eines Verbrechens wird, darf er nicht automatisch identifizierend in der Presse gezeigt werden, so der Beschwerdeausschuss.

 

Unbegründete Hoffnungen auf Schutz vor Corona

Eine Rüge erhielt die Sächsische Zeitung wegen eines Verstoßes gegen die Ziffer 14 des Pressekodex. Unter dem Titel „Mit Mundspray gegen das Virus“ hatte die Redaktion über einen möglichen Schutz vor Corona-Viren durch Benutzung eines Sprays mit ätherischen Ölen berichtet. Die Beschreibung der möglichen positiven Wirkung des Produktes erfolgte dabei undifferenziert und unkritisch, sodass der Presserat eine unangemessen sensationelle Darstellung eines medizinischen Themas erkannte, mit der unbegründete Hoffnungen erweckt werden können. Zudem entstand durch die Berichterstattung ein Werbeeffekt für das Spray, wodurch Ziffer 7 des Pressekodex verletzt wurde.

 

Der Deutsche Presserat wurde 1956 mit dem Ziel, die Pressfreiheit und das Ansehen der Presse in der Öffentlichkeit wahren zu können, gegründet. Die Vollversammlung des Vereins setzt sich aus 28 Mitgliedern zusammen, mehrheitlich Journalisten und Juristen, die von den vier Trägerorganisationen, dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) und dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), gewählt werden.

Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. 1973 beschloss man den Pressekodex, der als Selbstverpflichtung der in Deutschland tätigen Journalisten gilt. Der Kodex konkretisiert die Berufsethik der Presse. Auf dieser Grundlage soll das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien gewahrt werden. Jedermann kann Beschwerden, beispielsweise über eine Berichterstattung, bei der die grundgesetzlich garantierte Würde von Personen möglicherweise beeinträchtigt wurde, über ein Online-Formular einreichen.

 

 

Foto: Peitz/Charité

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Tags: Journalismus, Bild, Sächsische Zeitung, Presserat

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