Presserat: Beschwerdeflut nach Germanwings-Absturz

Der Presserat verzeichnet derzeit eine hohe Zahl von Beschwerden, die im Zusammenhang mit dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 stehen. „Noch nie gab es so viele Beschwerden zu einem einzelnen Themenkomplex“, so der Sprecher des Presserats, Tilmann Kruse. Innerhalb von zwei Wochen reklamierten mehr als 400 Bürger die Berichterstattung in deutschen Medien. Zum Vergleich: Zur Berichterstattung über die Loveparade in Duisburg im Jahr 2010 gab es 241 Beschwerden, im gesamten Jahr 2014 sind beim Deutschen Presserat ca. 2000 Beschwerden eingegangen.

 

Der in Berlin ansässige Presserat ist ein eingetragener Verein, in dem Verleger- und Journalistenverbände organisiert sind. Ein von ihm erstellter Kodex regelt ethische Fragen, die es von der Presse zu beachten gilt. Hierzu zählen Punkte wie „Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde“, „Sorgfalt“, „Schutz der Persönlichkeit“, die „Wahrung der Unschuldsvermutung“ und der „Schutz der Ehre“. Jeder Bürger hat die Möglichkeit mittels eines Online-Formulars den Presserat auf Berichte hinzuweisen, die mit dem Pressekodex nicht vereinbar sein könnten.

Bereits unmittelbar nach dem Absturz des Flugzeugs hatte der Presserat appelliert, auf den Schutz der Opfer und deren Angehörigen zu achten. „Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellungen in Wort und Bild nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“ heißt es in dem Appell des Vereins. Zuvor schon wurde in vergleichbaren Situationen die Veröffentlichung von Opferfotos beanstandet, weil das Wissen über ihre Identität nicht zur Aufklärung des Sachverhaltes beiträgt.

Im aktuellen Fall haben sich Privatpersonen gemeldet, deren Kritikpunkte vielfältig sind. „So ist die Frage, ob über den Co-Piloten identifizierend berichtet werden darf, ebenso ein Thema wie zum Beispiel die Veröffentlichung von Opferfotos und Opfergalerien, die Frage des Schutzes der Angehörigen von Co-Pilot und Opfern, eine möglicherweise unangemessen sensationelle Berichterstattung, die Frage der Vorverurteilung oder das Ansehen der Presse“, erläutert Tilmann Kruse.

 

Die Auseinandersetzung mit der Thematik spiegelt sich auch an anderer Stelle wider. So moniert Andy Neumann, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, die Arbeit der Bild-Zeitung. Diese hatte bei voller Namensnennung des Co-Piloten diesen als „Amok-Piloten“ tituliert, obwohl zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die kriminalistischen Untersuchungen noch im vollen Gange waren. Neumann hatte nach eigenen Angaben den Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, per Mail kontaktiert, jedoch keine Antwort erhalten, weshalb er seine Kritik als offenen Brief auf Facebook veröffentlichte.

Aber nicht nur die Berichterstattung allein, sondern auch Kommentare werden zuweilen kritisiert. So nahm eine Redakteurin der von Alice Schwarzer herausgegebenen Zeitschrift „Emma“ das Flugzeugunglück zum Anlass, um eine Frauenquote für Flugzeugcockpits zu fordern. Amoktrips wären Männersache und somit würden mehr Frauen im Cockpit auch für mehr Sicherheit im Flugverkehr sorgen, so die These der Redakteurin.

Der Presserat bittet die Beschwerdeführer um Geduld, da die Bearbeitung des Themas zeitintensiv ist. Alle Beschwerden durchlaufen einen geregelten Ablauf. Die betreffenden Medien werden vom Verein kontaktiert und um Stellungnahme gebeten. Sodann entscheiden die Beschwerdeausschüsse per Abstimmung darüber, ob die Beschwerde begründet ist und welche Maßnahme der Presserat ausspricht. Nach Angaben des Presserates werden die Ausschüsse am 2. und 3. Juni 2015 zusammenkommen.