Folge uns auf Facebook

Folge uns auf Twitter

EU stellt 4,175 Mio. EUR zur Unterstützung des investigativen Journalismus bereit

Beitragsseiten

West-Berlin in den 1970er Jahren: Finanzielle Unterstützungen durch den Senat


Der Zeitungsmarkt in West-Berlin galt mithin als schwierig, konnten doch die Verlage nach dem Mauerbau 1961 die Leser in Ost-Berlin und im Umland nicht mehr erreichen. 1970 gab es im Westteil Berlins zehn Tageszeitungen, vier davon gehörten zum Axel Springer Verlag. Diese machten einen Auflagenanteil von 68,6 Prozent des Gesamtmarktes aus. Nachdem 1963 mit „Der Tag“ und 1966 mit „Der Kurier“ zwei Zeitungen ihr Erscheinen einstellten, bestand die Befürchtung, dass die Pressekonzentration weiter voranschreiten und es grundsätzlich zu einer einseitigen Berichterstattung kommen könnte.

 


Anfang der 1970er Jahre befand sich insbesondere der Verlag der West-Berliner Tageszeitung „Telegraf“, die erstmals am 22. März 1946 veröffentlicht wurde, in einer wirtschaftlichen Krise. Gegründet wurde diese durch Annedore Leber, Paul Löbe und dem Chefredakteur und Herausgeber Arno Scholz, der in der Weimarer Republik bis 1933 als Journalist für die SPD-Zeitung „Vorwärts“ tätig war. Bereits ab Mitte der 1960er Jahre hatte Scholz damit begonnen, Anteile am Verlag an die SPD-eigene Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft zu veräußern.

Der Berliner Senat, seinerzeit unter Führung des Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz (SPD), beschloss 1971, den Berliner Verlagen einen Kredit zu bewilligen. In einem Beirat, dem auch die Oppositionsparteien angehörten, wurden die Rahmenbedingungen festgelegt: extrem niedrige Zinsen, keine Sicherheitsleistungen, zehn rückzahlungsfreie Jahre.

 


Das Geld sollte vom Bund zur Verfügung gestellt werden, seinerzeit ebenfalls unter SPD-Führung durch Bundeskanzler Willy Brandt. Für die Jahre 1971 bis 1973 waren 15 Millionen DM avisiert worden. Nach Anhörung eines Verlegerverbandes entschied Schütz, wie die Gelder verteilt werden sollten: 1971 sollte der „Telegraf“ 2,5 Millionen Mark erhalten, „Der Abend“ und das „Spandauer Volksblatt“ jeweils eine Million und „Der Tagesspiegel“ eine halbe Million Mark. Auch angesichts der Marktanteile („Telegraf“ 11,7 Prozent, „Der Abend“ 6,9 Prozent, „Spandauer Volksblatt“ 2,4 Prozent und „Der Tagesspiegel“ 10,4 Prozent) erschien vielen die Verteilung der Gelder eher willkürlich.

Doch „Der Tagesspiegel“ nahm das Geld nicht an. Der damalige Verleger Franz Karl Maier schrieb an Klaus Schütz, dass man nicht bereit wäre „als Feigenblatt für eine Maßnahme zu fungieren, die keine Kreditaktion, sondern bei der gegebenen Sachlage in mindestens einem Fall, dem der Zuteilung von 2,5 Millionen an den Telegraf, praktisch reine Subventionierung aus Steuermitteln ist“. Und so stellte auch die Wochenzeitung „Die Zeit“ damals die Frage, ob Ausnahmesituationen eine Rechtfertigung dafür wären, Journalismus finanziell zu unterstützen. Doch letztlich halfen die Senatsmaßnahmen nicht, der „Telegraf“ stellte mit einer täglich verkauften Auflage von durchschnittlich 73.992 Exemplaren am 30. Juni 1972 sein Erscheinen ein. In einem später vom „Tagesspiegel“ angestrengten Verfahren wurde die Senatsmaßnahme als rechts- und verfassungswidrig bestätigt.

 

Die Bedrohung der Verlage war das Ergebnis einer „Marktbereinigungswelle“, wie der Deutsche Journalistenverband in einer Anhörung des Ausschusses für Europa- und Bundesangelegenheiten, Medien im Abgeordnetenhaus von Berlin am 8. Mai 2019 die damalige Situation betitelte. Die Ursachen waren eine veränderte Nachfrage der Leser oder aber auch unternehmerische Fehlentscheidungen. Sie waren jedoch nicht vorsätzlich von Dritten herbeigeführt. Dies hat sich allerdings in den vergangenen Jahren geändert und selbst Deutschland bleibt von Behinderungen der Pressefreiheit nicht verschont.

 


 

Tags: Reporter ohne Grenzen (ROG), Pressefreiheit, Gruner + Jahr, DJV, Die Zeit, Bundeskartellamt, Bundeszentrale für politische Bildung, Der Tagesspiegel, VDZ, Jahreszeiten Verlag, Jahr Top Special Verlag, Bastei Lübbe, Panini, Zeitschriftenvertrieb, Spandauer Volksblatt

Neu im Handel

  • 1
  • 2

Top Artikel Recht

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22
  • 23
  • 24
  • 25
  • 26
  • 27
  • 28
  • 29
  • 30
  • 31
  • 32
  • 33
  • 34
  • 35
  • 36
  • 37
  • 38
  • 39
  • 40