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Die Ibiza-Affäre: Auszeichnung für Spiegel und Süddeutsche Zeitung

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Ibiza-Affäre: Preis für die Recherche-Leistung

Der Deutsche Reporterpreis in der Kategorie „Investigation“ ging an die Arbeit, die 2019 zu den größten Konsequenzen in der Politik und zu einer Erschütterung Österreichs und darüber hinaus geführt hatte. Die Autorenteams von „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ haben ein zugespieltes, dubioses Video mit erstaunlicher Akribie ausgewertet, so dass aus den stundenlangen Aufnahmen jene Minuten herausgefiltert und verifiziert wurden, die schließlich zum Rücktritt von Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) und sodann sogar zum Sturz der Regierungskoalition von Bundeskanzler Sebastian Kurz führte.

Die Recherche-Leistung dieses Skandals war der kleinere Teil, weil die Geschichte an sich schon recherchiert war. Die Leistung bestand vielmehr darin, sich der heiklen Story mit Mut und Risikobereitschaft anzunehmen, der Sache auf den Grund zu gehen und sie so aufzubereiten, dass etwas sehr Schmutziges ans Licht kommt. Mit der Spiegel-Story „Joschi, mach das jetzt klar“ und dem SZ-Bericht „In der Falle“ wurde die Ibizza-Affäre aufgedeckt und mit wem sich der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) eingelassen hat: Mit einer Partei, die Macht über Journalisten gewinnen und die die Demokratie manipulieren wollte. Zum Recherche-Team gehörten Bastian Obermayer, Frederik Obermaier, Leila Al-Serori, Oliver Das Gupta, Peter Münch, Martin Knobbe, Wolf Wiedmann-Schmidt, Alexandra Rojkov, Walter Mayr, Vera Deleja-Hotko und Maik Baumgärtner.

 

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Der Preis in der Kategorie Lokales geht an Julius Betschka und Martin Nejezchleba, die in der Berliner Morgenpost unter der Überschrift „Die toten Babys von Neukölln“ der Frage nachgingen, weshalb im Berliner Stadtbezirk Neukölln mehr Säuglinge sterben als in jedem anderen Bezirk Berlins. Liegt es an der überproportional hohen Rate an Ehen unter nahen Verwandten? Die beiden Autoren recherchierten so lange, bis sie es herausgefunden hatten. Das Thema, ein heißes Eisen, kann einem den Vorwurf des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit, von Stereotypen einhandeln. Doch der Leser wird letztlich gezwungen, sich mit der Komplexität des Sachverhalts und mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Aus Sicht der Jury hat das beste Interview in diesem Jahr Anna Kemper im ZEITmagazin geführt. Sie traf die Tochter von Johanna Haarer, die 1934 das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ schrieb und damit zur Ideologin des Mutterbildes im Nationalsozialismus wurde. Ihre Methode, die eigenen Kinder durch erzwungene Kälte und eine bewusste Verweigerung von Bindung für das Leben zu ertüchtigen, findet sich bis heute in Erziehungsratgebern. Kemper gelingt es, ihr Gegenüber durch ihre belesene und neugierige Intervierführung zu öffnen und als dem ersten Opfer dieser Zucht einen exklusiven Einblick in die Doppelmoral der mütterlichen Autorität zu entlocken. Das Interview „Ich stand vor ihr wie vor einem Richter“ ist herausragend darin, in die Tiefe einer Haltung zu blicken, die sich in Büchern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ reproduziert.

 

In der Kategorie Sport gewann die in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte Reportage „Ja! Jaa! Jaaa!“ von Nicola Meier. Darin wird über vier Männer zwischen 85 und 89 Jahren berichtet, die einen Leichtathletik-Weltrekord brechen wollen. Indem Meier das Thema nicht bedeutender gemacht habe für die Welt, zeige sie, was den Protagonisten bedeutet, über sich selbst hinauszuwachsen. Mit großer Zuneigung, Leichtigkeit, Melancholie widmete sie sich den Protagonisten, die auch schnell dem Spott hätten preisgegeben werden können für das Ziel, das sie trotz ihres hohen Alters unbeirrt verfolgen.

Die Jury kürte in der Kategorie Wissenschaft den Beitrag „Wunschdenken“ von Patrick Bauer, Patrick Illinger und Till Krause, der im SZ Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. Darin wird ein Blick in den Wissenschaftsbetrieb geworfen und auf einen, der charismatisch, leidenschaftlich mit einer Mission vorangeht. Die Wissenschaft wäre nie weitergekommen, wenn nicht Leute an irgendwas geglaubt hätten. Aber es kann natürlich ebenso passieren, dass dieser Glaube nie unterfüttert wird mit Fakten.

 

Und davon handelt der prämierte Text, der die Machtverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb beleuchtet, wo der Informatiker ohne Veröffentlichung den Superordinarius angreift, sich isoliert und kaputt macht. Die Autorität des Ordinarius wirkt offenbar so viel mehr als die begründeten Einwände des unbedeutenden Informatikers, der nur nach Wahrheit strebte. Das ist eine vielsagende Lehre über das Vertrauen, das Wissenschaft braucht, und die Transparenz, der es ebenfalls bedarf.

Mit „Aus den Augen“ prämierte die Jury eine im SZ Magazins veröffentlichte Reportage von Katrin Blum, die sich durch eine große gedankliche Tiefe mit vielen Passagen, in denen zentrale Menschheitsfragen aufscheinen, hervorhebt. Die Autorin nimmt am Geschehen unmittelbaren Anteil, sie erlangte das Vertrauen der Basketballmannschaft, die sie beim Besuch eines erkrankten Mitspielers begleitet hat. Katrin Blums Text hat Herz, wirft ohne sprachlichen Bombast bewegende Fragen auf, ist anrührend und trifft ihr Thema hundertprozentig.

 

In der Kategorie Essay wurde mit „Kriegerin“ von Else Buschheuer im "SZ Magazin" der nach Ansicht der Jury lauteste Text dieses Jahres ausgezeichnet. Er stammt von einer Autorin, die sich persönlich stark exponiert. In ihrem Essay beschreibt sie einerseits ihre eigene sexuelle Identitätsfindung als auch die Selbstoptimierungsfantasie, die mit einer misslungenen Brust-OP einhergeht. Wie die Autorin in ihrem mitreißenden, aufwühlenden Text diese beiden Suchbewegungen zusammenfasst, ist durchaus eine Zumutung. Doch da Else Buschheuer den Prozess auch sich selbst gegenüber schonungslos zu schildern weiß, hilft sie den Lesern mit ihrer Erzählkunst über die Abgründe hinweg. Ihre Aufrichtigkeit ist inspirierend.

Die beste Kulturkritik stammt in diesem Jahr von Gabriela Herpell, darin war sich die Jury schnell einig. Herpell schaffte es in „Spiel mit dem Tod“ im SZ Magazin die Arbeit des europäischen Theaterprovokateurs Milo Rau auf eine Art und Weise zu beleuchten, die keine moralische Anklage ist aber dennoch die Widersprüchlichkeit des politischen Theaters heute entblößt. In Herpells Nahbetrachtung, bei der sie Milo Raus Ensemble des Nationaltheaters Gent auf eine Reise ins syrische Mossul begleitete, wird dem Leser das beinahe selbstzerstörerische Verlangen nach Relevanz vorgeführt, dessen notorische Grenzverletzungen sehr viel über die Krise des Theaters sagen.

Tags: Journalismus, Tageszeitung, Süddeutsche Zeitung, Der Tagesspiegel, Auszeichnung, Der Spiegel (Objektfamilie), Österreich

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